Emotionale Ansteckung: Beeinflussen wir unsere Pferde?
Emotionale Ansteckung ist die Übertragung der eigenen Gestimmtheit auf ein anderes Individuum. Übertragen Menschen ihre Emotionen auf das Pferd? Macht es für das Pferd einen Unterschied, ob der Mensch ihm fröhlich und guter Dinge oder miesepetrig begegnet? Ob er Angst hat oder sich freut? Oder bleibt das Pferd davon unbeeinflusst? Französische, japanische und rumänische Wissenschaftler haben Antworten gesucht und gefunden.
Pferdemenschen kennen das: Hat der Reiter Angst, reagiert oft auch das Pferd nervös, während es in vergleichbaren Situationen unter einem souveränen Reiter gelassen bleibt. Lassen sich Pferde wirklich von unseren Emotionen anstecken? Nicht nur gefühlt oder vermutet, sondern mess- und darstellbar, damit überprüfbar? Eine Frage, deren Beantwortung nicht nur von akademischem Interesse ist, sondern praktische Bedeutung hat. Denn wenn es eine emotionale Ansteckung vom Menschen zum Pferd gibt, dann beeinflussen unsere Emotionen das Verhalten unserer Pferde direkt. Überträgt sich unsere gute Laune, kann sich das positiv auf Lernbereitschaft und Trainingserfolge auswirken. Und unsere Angst kann Pferde nervös machen und stressen, was die Lernfähigkeit negativ beeinflusst.

Emotionale Ansteckung – ein sozialer Kleber
Emotionale Ansteckung gehört bei sozialen Lebewesen zum Leben wie die Luft, die sie atmen. Sie generiert Wir-Gefühl: Du und ich, wir verstehen einander. Darum lassen wir uns vom Lachen anderer anstecken, wir verstehen und teilen die Trauer oder die Furcht unseres Gegenübers. Zusammengezogene Brauen, ein lächelnder Mund, aufgerissene Augen: Schon minimale Anzeichen reichen, um zu erkennen, wie unser Gegenüber tickt. Darum funktionieren Emojis so gut, unsere mediale Zeichensprache. Auf ein Minimum reduzierte Mimik transportiert Emotionen, und das international. Pferde lesen zwar keine Emojis. Aber wenn ein Pferd in der Gruppe Angst zeigt, versetzt das alle anderen in erhöhte Alarmbereitschaft. Auch das ist emotionale Ansteckung. In freier Wildbahn ist sie lebenserhaltend.
Wofür sind Emotionen gut?
Emotionen steuern Verhalten. Die Steuerung erfolgt durch Hormone, die in die Blutbahnen abgegeben werden (z.B. Cortisol, Adrenalin, Oxytocin), durch Neurotransmitter, die Informationen zwischen Nervenzellen weiterleiten (z.B. Dopamin, Serotonin, endogene Opioide). Manche dieser „Emotionstransporter“ wirken dämpfend, andere aktivierend auf die emotionalen Zentren des Gehirns, das dann wiederum die Körperreaktionen steuert: Unsere Freude, unsere Furcht, unsere Trauer, unser Erstaunen, unseren Ekel. Das ist bei Tieren nicht anders. Ein Reiz löst eine Emotion aus, die den Stoffwechsel entsprechend verändert, was das Gehirn aktiviert, das dann Verhalten generiert. Kurz: Ohne Emotionen kein Verhalten. Weder bei uns noch bei (unseren) Tieren. Eigentlich ganz einfach, oder? Tatsächlich allerdings hochkomplex, weil alles mit allem interagiert.

Das meiste davon geschieht blitzschnell und ohne Beteiligung des Großhirns. Millisekunden bevor wir etwas merken, haben wir bereits reagiert. Mikroexpressionen verraten einem aufmerksamen Gegenüber, wie es in uns aussieht. Dazu reichen winzige Veränderungen wie Erweiterung oder Verengung der Pupillen oder ein veränderter Muskeltonus. Mentalisten machen sich das zunutze. Sie lesen diese Mikroexpressionen und dahinterstehende Emotionen.
So unterscheiden sich Befindlichkeit, Emotion, emotionale Ansteckung und Gefühl
Unter Befindlichkeit wird die Gesamtheit aller Empfindungen verstanden. Emotionen sind meist unbewusste innere Zustände (Erregungsmuster im Gehirn, physiologischer Status), die ein Individuum dazu befähigen, sich durch physiologische Reaktionen und Verhalten an Situationen anzupassen. Aus ihnen erwachsen Handlungsmotivation und zielorientiertes Verhalten, und sie begleiten die Bedürfnisbefriedigung. Freude, Trauer, Furcht, Ekel und Überraschung gelten als Basisemotionen des Menschen. Es gibt jedoch wesentlich mehr. Emotionen haben außerdem eine soziale Funktion in gruppendynamischen Prozessen und in der Kommunikation zwischen einzelnen Individuen.
Emotionale Ansteckung (Emotionsübertragung/emotional contagion) ist die Basis der Empathie, der Fähigkeit, sich in ein Gegenüber hineinzuversetzen und sich mit ihm emotional zu synchronisieren. Gefühle sind die bewusste Wahrnehmung von Emotionen. An ihnen ist über das Großhirn der Verstand beteiligt. Emotionen sind die dafür notwendige „Werkseinstellung“.
Gefühl braucht Emotionen
Es gilt: Emotion kommt ohne Gefühl aus, aber ohne Emotion kein Gefühl. Es besteht kein Zweifel, dass Tiere Emotionen haben , aber welche Gefühle sie haben, darüber können wir nichts sagen. Noch nicht, und vielleicht auch niemals. Der Einblick in ihre Erlebniswelt ist uns verschlossen, weil wir keine Pferde sind. So sehr wir uns auch bemühen, sie zu verstehen. Ein Pferd, das Angstverhalten zeigt, hat ohne Zweifel entsprechende Emotionen. Wie wir schüttet es jetzt vermehrt Adrenalin aus und die Cortisolproduktion steigt. Dass daraus ein Gefühl entsteht, davon ist auszugehen. Nur wissen wir nicht, welches.
Unser Gehirn ist angepasst an die Menschenwelt, seines an die Pferdewelt. Darum kann Pferde-Angst eine völlig andere sein, als unsere, sich für das Pferd ganz anders anfühlen. Ihre Emotionen können wir aus dem Verhalten erschließen, über ihre Gefühle nur spekulieren. Einen kleinsten gemeinsamen Nenner scheint es aber doch zu geben. Und damit sind wir wieder bei der emotionalen Ansteckung zwischen Mensch und Pferd. Schauen wir uns an, was die neueste Forschung dazu sagt.

(Foto: Patricia Lösche)
Aktuelle Forschung zur emotionalen Ansteckung zwischen Mensch und Pferd
Warum wirken Emotionen überhaupt ansteckend? Weil sie nicht nur der eigenen Verhaltenssteuerung, sondern auch der Kommunikation untereinander dienen. Emotionsübertragung, das Erkennen, welche Emotion dem Verhalten des anderen zugrunde liegt, und die Übernahme der Emotion als Basis für das eigene Verhalten spielt eine wichtige Rolle für Gruppenkoordination und soziale Bindungen. Eindrucksvolle Beispiele dafür sind das Rudelheulen bei Wölfen oder die spontane gemeinsame Flucht von Pferden beim Aufschrecken eines Herdenmitglieds.
Emotionale Ansteckung zwischen Mensch und Tier findet statt. Für den Hund ist das wissenschaftlich belegt. Je enger die Bindung, desto wahrscheinlicher wird sie (Katayama et al., 2019). Mit der Emotionsübertragung vom Menschen auf das Pferd beschäftigten sich 2025 gleich zwei Studien. Eine rumänische Studie hinterfragte die Rolle von Stress und Körpersprache bei emotionaler Ansteckung. Ein Team aus französischen und japanischen Wissenschaftlern untersuchte, ob Furcht und Freude des Menschen durch Mimik und Stimme auf Pferde übertragen werden (Jardat et al., 2025). Und in einer ganz aktuellen Studie untersuchten Jardat et al. (Jardat et al., 2026), ob emotionsassoziierter Geruch emotionale Ansteckung beim Pferd auslösen kann.
Übertragen Stimme und Mimik Emotionen?
In der im Mai 2025 veröffentlichten Studie von Jardat et al. untersuchten die Wissenschaftler, wie Pferde auf Furcht oder Freude reagieren, wenn die Kommunikation ausschließlich über Stimme und Mimik vermittelt wird. Das herauszufinden ist nicht einfach. Es geht nicht um „so ein Gefühl“, eine Vermutung oder Meinung. Davon gibt es in der Pferdewelt fast so viele wie Reiter. Die Methode muss überprüfbare Ergebnisse und Beweise hervorbringen und möglicherweise dann bestätigen – oder widerlegen – , was vorher eine Vermutung war.
Für die Versuche standen 48 Welshponystuten zur Verfügung, Durchschnittsalter 8 Jahre, gehalten in einer 12/12 Mischung aus Boxen- und Weidehaltung. Das Handling durch Menschen war für sie ebenso tägliche Routine wie unterschiedliche Versuchssettings: Sie stehen im Dienste der Verhaltensforschung.
Das Studiensetting
In Stufe I wurden Videoaufnahmen erstellt: Je zwei den Pferden fremde Schauspieler und Schauspielerinnen lasen dafür emotional vorgetragene Texte ein, kombiniert mit entweder positiver oder negativer Mimik und Stimme. In Stufe II wurden diese Videos den Pferden in verschiedenen Variationen frontal präsentiert.
Die Verwendung von Videos schloss eine Beeinflussung der Pferde durch die Anwesenheit einer Person aus. Jedes Pferd sah und hörte die gleichen Sequenzen in identischen Settings. Videokameras protokollierten das Verhalten, Infrarot-Wärmebildkameras die Körpertemperatur. Gleichzeitig wurde die Herzfrequenz aufgezeichnet. Das Monitoring begann, sobald die Pferde sich an das Setting gewöhnt hatten. Pferde, die sich gestresst zeigten, wurden vom Experiment ausgeschlossen. Am Ende konnten die Ergebnisse von 45 Pferden ausgewertet werden.
Anhand von Verhalten und physiologischen Reaktionen wurde erfasst, ob und wie sich Furcht und Freude vom Menschen auf das Pferd übertrugen. Als Referenz diente die Präsentation eines neutralen Videos. Gemessen wurden physiologische Reaktionen (Herzrate und Temperaturveränderungen) sowie Verhaltensantworten (Positionierung, laterale Präferenz, Mimik).

Mimik und Stimme – wirksame Emotionstransporter
Die Pferde reagierten auf emotional hinterlegte Videos mit einer Beschleunigung des Herzschlags und mit vermehrtem Ohrenspiel, Indiz für einen Anstieg der Erregung und zeigte darin einen deutlichen Unterschied gegenüber neutralen Videos. Zeigten die Menschen Furcht, stieg bei den Pferden die Innentemperatur der Augen und sie zeigten erhöhte und länger andauernde Alarmbereitschaft (u.a. durch Anheben der inneren Augenbrauen, lautes Schnauben). Zeigte der Mensch Freude, wurde für die Betrachtung der Mimik das rechte Auge bevorzugt und damit die linke Gehirnhälfte „bedient“. Diese ist verknüpft mit einer positiven Bewertung des Wahrgenommenen.
Die Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass der Gesichtsausdruck des Menschen ebenso wie eine Stimme, die Furcht oder Freude signalisiert, beim Pferd eine emotionale Ansteckung bewirken können. Vom Menschen in dieser Form gezeigte Emotionen beeinflussen dadurch die Beziehung zwischen Pferd und Mensch.
Schon Anfang 2025 veröffentlichte ein rumänisches Team (Manolăchescu et al, 2025) eine Untersuchung dazu, wie Stress und Angst über die Körpersprache des Menschen auf das Pferd übertragen werden. In einem ersten Schritt wurde die Ängstlichkeit der Menschen bestimmt und kategorisiert. Parallel wurde ihre Herzfrequenz ermittelt. Die eigentlichen Tests erfolgten in zwei Interaktions-Settings mit dem Pferd.
- Free Style: Der Mensch konnte frei agieren
- Reduzierte Bewegungen: Der Mensch konnte sich nur restriktiv bewegen.
Daten der Pferde wurden erhoben vor, während und nach den Interaktionen. Die Auswertung zeigte, dass Pferde am stärksten auf ängstliche, frei interagierende Menschen reagierten. Die Pferde reagierten nicht instinktiv auf menschlichen Stress, sondern auf die körpersprachlichen Anzeichen von Angst beim Menschen. Wer also trotz seiner Angst kontrolliert und möglichst neutral reagiert überträgt seine Angst weniger auf das Pferd.

Der Geruch der Angst
Der sensible Geruchssinn des Pferdes kann dieser Schauspielerei allerdings einen Strich durch die Rechnung machen. Ihre Nase ist so fein, dass Pferde sogar riechen können, wie nahrhaft Futter ist (Van den Berg et al., 2015). Haben wir zum Beispiel Angst, verändert sich durch diese Emotion neben unserer Stimme, unserer Mimik, unserer Körperhaltung auch die Zusammensetzung unseres Schweißes. Dadurch verändert er seinen Geruch. Angst ist also tatsächlich zu riechen. Vorausgesetzt, die Nase ist fein genug dafür. Pferde nehmen die Welt um sich herum stark über ihren Geruchssinn wahr und registrieren bereits minimale chemische Veränderungen.
Die Studie von Jardat et al. (2026) erbrachte den Nachweis, dass emotionale Ansteckung allein über Achselschweiß erfolgen kann. Den menschlichen Probanden wurden entweder Angst oder Freude auslösende Videos gezeigt. Anschließend wurden Schweißproben genommen. Eine dritte Gruppe lieferte emotional neutrale Proben.
Nacheinander und in Abwesenheit von Menschen bekamen die Pferde intensiven Kontakt mit den Proben. Bei Angstschweiß waren sie im Anschluss alarmierter, schreckhafter und weniger bereit, sich Menschen zu nähern. Ein Indikator für Stresserleben war der erhöhte Puls bei Präsentation der Angstschweiß-Proben.
Fazit
Pferde verstehen weder unsere Angst, noch unsere Freude, jedenfalls nicht so, wie wir. Unsere Angstauslöser müssen nicht ihre sein. Aber sie erkennen unsere physiologische und körpersprachliche Übersetzung von Emotionen, vor allem Anspannung, stimmliche und geruchliche Veränderungen, Mimik, Körpersprache, die sich unter der Einwirkung von Angst, aber auch bei positiver Gestimmtheit auf typische Art und Weise verändern. Sie bestimmen, wie Pferde uns in einer Situation erleben. Es ist der gemeinsame emotionale Nenner, die gemeinsame Sprache. Und: Sie ist ansteckend.
Es stimmt also: Wer in den Stall geht, sollte emotional einigermaßen stabil sein. Mogeln funktioniert bei Pferden nicht, denn unsere Stimmlage, unsere Bewegungen, Mimik und Geruch haben wir in emotional gefärbten Situationen und Stimmungen nicht effektiv unter Kontrolle. Sie verraten dem Pferd, was wir wirklich fühlen. Das versteht es manchmal besser, als wir selbst.
Quellenauswahl
Katayama et al.: Emotional Contagion From Humans to Dogs Is Facilitated by Duration of Ownership ( Frontiers in Psychology, 19 July 2019) https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2019.01678/full
Jardat et al.: Emotional contagion of fear and joy from humans to horses using a combination of facial and vocal cues (Nature, 21.Mai 2025) https://www.nature.com/articles/s41598-025-98794-3
Manolachescu et al.: Emotional contagion in human–horse interactions: A pilot study investigating the role of stress and body language in emotional transfer (Open Veterinary Journal, Jan 2025)
Van den Berg et al.: Acceptance of novel food by horses: The influence of food cues and nutrient composition (Applied Animal Behaviour Science, October 2015)
Jardat et al.: Human emotional odours influence horses’ behaviour and physiology (PLOS one, Jan. 2026)
Titelfoto: Patricia Lösche